Predigt zum Lambertusfest 2020

 

Lambertusfest 2020   pdficon large Predigt als PDF

 

Einleitung:

Die Lebensgeschichte mancher Heiligen ist ganz schön sperrig. Auf den ersten Blick sind sie unverständlich und wenig nachahmenswert. Es lohnt sich aber, genauer hin zu schauen.

Das wollen wir heute, bei unserem Kirchenpatron Lambertus ganz bewusst tun.

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(Bild vergrößern) - Quelle: https://ais.badische-zeitung.de/piece/07/0e/42/3d/118374973.jpg

 

Predigt:

Wer sich einen Besuch im Augustinermuseum in Freiburg gönnt, kann die prachtvolle Silberbüste, die für das Haupt des heiligen Lambertus angefertigt wurde, bewundern. Jahr für Jahr verlässt sie diesen geschützten Bereich und wird – so heute – im Freiburger Münster zur Verehrung ausgestellt.

Lambertus ist der erste Stadtpatron. Ähnlich, wie hier in Mingolsheim, genießt er in der Münstergemeinde hohe Verehrung.

Die Frage nach der inneren Beziehung dieses Heiligen zu Freiburg ist leicht zu erklären: der Zähringer Berthold IV., einer der Gründer der Stadt, brachte durch seine politischen Beziehungen die Hauptreliquie in die kleine Kirche – damals am Berghang.

Man muss wissen: Reliquien festigten im Mittelalter die Macht der Ortskirche, die politische Autorität der weltlichen Herrscher und damit das Ansehen einer Stadt.

Heute ist Freiburg eine völlig säkulare Stadt. Es sind nicht mehr viele, die mit einem Heiligen, der vor mehr als 1300 Jahren vor uns gelebt hat, etwas anfangen können.

So auch bei uns in Mingolsheim.

 

Das Patronatsfest einer Kirche zu feiern, ist deshalb Jahr für Jahr eine Herausforderung und zugleich eine Chance.

Mit manchen Heiligen tun wir uns ganz leicht. Wir identifizieren uns mit ihnen, fühlen uns in ihrer Nähe wohl.  

Wer den Namen Mutter Teresa hört, denkt sofort an Nächstenliebe und fühlt sich eingeladen, diese in – wenn auch bescheidenem Umfang - zu üben.

Aber Lambertus?

Lassen wir alle Übertreibung, Ausschmückung und Idealisierung bei ihm weg. Schauen wir auf die nüchternen Daten und Fakten, dann muss durchaus die Frage gestellt sein dürfen: was bleibt?

In eine christliche Familie wurde Lambert hinein geboren. Der Weg, hin zu einem geistlichen Beruf, scheint vorgezeichnet. Sein Onkel Theodard, damals Bischof von Maastricht, fördert ihn.

Das klingt für fromme Ohren zunächst ganz toll. Für den modernen, heutigen Menschen scheint es aber eher suspekt.

Mit 32 Jahren ist Lambert schon ganz oben auf der Karriereleiter. Weil sein Onkel einem Mord zum Opfer fiel, wählte man Lambert zum Bischof.

Der Biograph des Lambert beschreibt ihn in seiner neuen, fordernden Aufgabe: guter Hirte, Kämpfer für Gerechtigkeit, auf der Seite der Schwachen und Armen.

Zu jeder Zeit versuchen weltliche Machthaber die Kirche und deren Vertreter zu vereinnahmen. Über dieses Kapitel könnte man ganze Bände schreiben.

Offenbar ist es bei Lambert nicht gelungen. Er lässt sich auf keine Seite ziehen. Fazit: man vertreibt ihn von seinem Bischofssitz, verbannt ihn aus der Stadt.

 

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Quelle: https://www.martinus.hu/misc/news/5723/.mindszenty-kep.jpg

In meiner Regensburger Studienzeit hatte ich mit meinem Kurs einmal das große Glück, Kardinal Mindszenty1) begegnen zu dürfen. Ein alter, durchgeistigter, vom Leben gezeichneter Mann. Viele Jahre saß er in Ungarn im Gefängnis, erlitt Folter und Entbehrung. Die Ausstrahlung dieses Mannes ist mir bis heute präsent.

Will damit sagen: Verfolgung der Kirche, – das gibt es auch heute.

Der Versuch, das Evangelium für niedrige Zwecke zu vereinnahmen, ist zu jeder Zeit gegeben.

Insofern ist Lambertus aktueller denn je.

In seinen letzten Lebensjahren rehabilitierte man Lambert. Er durfte wieder als Bischof von Maastricht wirken. Die Nachwelt nennt ihn – aufgrund der Beschreibung seines Biographen – einen Glaubensboten. Das ist ein starkes Wort.

Im siebten Jahrhundert gab es in Nordbrabant nur wenige Christen. Die Missionierung war schwierig. Sie scheiterte meist schon an den strukturellen, geographischen Gegebenheiten.

Im Jahr 705 holte ihn der Hass politischer Fanatiker dann ein. In Lüttich, wo er sich gerade aufhielt, wurde Lambert Opfer eines Attentats.

Wenn wir das hören, fühlen wir uns in die Jetztzeit versetzt. Überfälle auf jüdische Synagogen, Attentat am Weihnachtsmarkt Berliner Breitscheidplatz, ermordete Priester in Syrien, erbitterte Kämpfe gegen die Kirche in China. Wir könnten die Reihe noch lange fortsetzen.

Was bleibt uns, für unser ganz normales, christliches Alltagsleben?

Als erstes die Wachsamkeit. Das heißt: mit Interesse, mit Anteilnahme das Geschehen in Politik und Gesellschaft verfolgen. Mitdenken, Hintergründe erörtern, Stellung beziehen.

Mit den Nachkommenden in der nächsten und übernächsten Generation intensiv über das Weltgeschehen sprechen. Die Augen nicht verschließen. Schon gar nicht vor unserer eigenen Geschichte an den Brennpunkten des 20. Jahrhunderts.

Und weiter: eine Leidenschaft für Gerechtigkeit und Frieden entwickeln. Im Großen, wie im Kleinen.

Wenn Respekt und Toleranz verschwinden, wird unsere Welt zur Hölle.

Das können wir hundertfach aus der Geschichte belegen.

Wir können zu mehr Menschlichkeit einen Beitrag leisten. Viele können uns dazu ermutigen. Egal wie sie heißen: Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer, Kardinal Mindszenty. Und nicht zu vergessen: Lambertus, unser Kirchenpatron.

                                                                                                  Wolfgang Kesenheimer, Pfarrer

 

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1) Kardinal Jósef Mindszenty (1892-1975) war Erzbischof der ungarischen Diözese Esztergom.

    Er war der letzte Fürstprimas von Ungarn.

    Wegen seines Auftretens für die Freiheit der Kirche, wegen seines Einsatzes gegen Unrecht

    wurde er mehrfach eingekerkert.

    Ab 1945 war er die Symbolfigur des Widerstandes gegen den Kommunismus in Ungarn.

    Er protestierte während der Naziherrschaft gegen die Ermordung der Juden.

    Als Bischof lehnte sich Mindszenty gegen Gräueltaten, Vergewaltigungen an Frauen auf. Als

    Staatsfeind ersten Grades erlitt er die Folter.

    Ab 1971 lebte er in Wien im Exil.

    Papst Paul VI verlangte aus diplomatischen Gründen (man wolle eine Brücke zwischen Kirche

    und Kommunismus bauen) seinen Rücktritt als Erzbischof von Esztergom. Mindszenty kam

    diesem Gesuch nicht nach. So wurde er seines Amtes enthoben.

    Begraben ist Kardinal Mindszenty in der Wallfahrtskirche Maria Zell in der Steiermark.

    Posthum wurden alle kirchenrechtlichen Schritte, die gegen ihn ausgesprochen waren, aufgehoben.   

    Mindszenty gilt als Märtyrer der Kirche.

    Er entging einige Male nur knapp der Hinrichtung.

    Auf seiner Grabplatte steht: vita humiliavit mors exaltavit – Das Leben hat ihn erniedrigt, der Tod hat

    ihn erhöht.

    Das Kanonisierungsverfahren für Kardinal Mindszenty wurde am 12.02.2019 abgeschlossen.

    Der Seligsprechung steht nichts mehr im Wege. 

 

 


 

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